Zébu - Nordwestwand des Klein Fiescherhorns - M8/+, 70°, 1100 m Zébu - Nordwestwand des Klein Fiescherhorns - M8/+, 70°, 1100 m
16 März 2026

Zébu

Silvan Schüpbach, Olivier Kolly und Filippo Sala gelingt eine neue Route in der Nordwestwand des Klein Fiescherhorns (Ochs) - M8/+, 70°, 1100 m

Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorn – von manchen auch „Ochs“ genannt – gehört zu den grossen, aber erstaunlich wenig begangenen Wänden der Berner Alpen. Die rund 1100 Meter hohe Wand ist von Grindelwald aus gut sichtbar und wirkt aus der Ferne fast einladend. Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt im oberen Wandteil steilen, oft brüchigen Fels und eine wilde Struktur, die kaum offensichtliche Linien preisgibt.

Umso erstaunlicher ist, dass die Wand bisher nur eine Route kannte: die Linie von Mäusy Lüthi und Hermann Steuri aus dem Jahr 1935. Erst 1981 wurde diese Route zum ersten Mal im Winter von Michael Boos und Patrick Hilber wiederholt. Trotz dieser Geschichte bleibt die Nordwestwand ein Ort mit viel Raum für neue Ideen. 

Unser Projekt begann allerdings nicht wie geplant. Eine Woche vor unserem erfolgreichen Versuch mussten wir den ersten Anlauf abbrechen: Jonas Schild wurde von einem Stein getroffen und erlitt eine Hirnerschütterung. Jonas ist hart im Nehmen und stieg aus eigener Kraft mit uns nach Grindelwald ab, doch die Wand machte uns damit unmissverständlich klar, dass sie ernst genommen werden will.

Zustieg und erster Wandtag

Am Morgen des 8. März starteten wir – Silvan Schüpbach, Filippo Sala und Olivier Kolly – bei der Bahnstation Eismeer. Mit Ski traversierten wir unter die gewaltige Nordwestwand, bis zum Wandfuss, wo wir das Skidepot einrichteten.

Der untere Wandteil präsentierte sich überraschend angenehm: steiles Eis, meist um die 60° bis 70°, das uns zügig Höhe gewinnen liess. Die Linie ergab sich beinahe von selbst, immer zwischen Eisrinnen und verschneiten Felsstufen hindurch.

Etwa auf halber Wandhöhe erreichten wir den Hängegletscher, dessen Bergschrund uns einen perfekten Biwakplatz bot. Geschützt und erstaunlich komfortabel verbrachten wir dort die Nacht – direkt unter dem gewaltigen Bollwerk der Gipfelwand.

Die Gipfelwand

Am nächsten Tag standen wir vor dem entscheidenden Abschnitt: rund 400 Meter nahezu senkrechter bis überhängender Fels. Von unten wirkte die Wand düster und abweisend – und je näher wir kamen, desto deutlicher zeigte sich die Komplexität der Wand: .Kompakte, überhängende Zonen boten (zu) grosse Herausforderungen. Einzig eine diagonal nach links verlaufende Rampe schien uns kletterbar, wenn auch sehr brüchig.

Olivier war für die Führung durch die zwei schwierigsten Seillängen nicht zu beneiden: Mit beeindruckender Ruhe arbeitete er sich über eine kompakte Platte (mit Steigeisen) und durch Überhänge, welche aus zusammengefrorenen Blöcken bestanden. Jeder Zug verlangte volle Konzentration; jeder Griff musste geprüft werden.

Zum Glück wurde der obere Teil der Gipfelwand etwas moderater. Trotzdem blieb die Suche nach soliden Sicherungen und brauchbaren Standplätzen eine ständige Herausforderung.

Entscheidung unter dem Gipfel

Mit fortschreitender Höhe verschlechterte sich das Wetter zusehends. Der Wind nahm zu, und Biwakplätze waren im steilen oberen Wandteil kaum vorhanden. Deshalb entschieden wir uns gegen einen direkten Ausstieg zum Gipfel.

Stattdessen querten wir im obersten Wandbereich nach rechts aus der Wand und erreichten schliesslich den Grat – etwa 40 Meter unterhalb des Gipfels des Klein Fiescherhorn.

Nacht im Wind

Der Wind nahm weiter zu, während wir über die Südseite abstiegen. Erst um Mitternacht fanden wir erneut einen brauchbaren Biwakplatz – wiederum in einem Bergschrund. Nach einer kurzen Nacht brachen wir am Morgen des 10. März noch einmal auf und stiegen zum Gipfel auf. Anschliessend seilten wir die gesamte Wand an improvisierten Standplätzen ab – eine lange und konzentrierte Abseilfahrt durch die riesige Nordwestwand.

Rückkehr nach Grindelwald

Am Wandfuss warteten unsere Ski. Die Abfahrt zurück nach Grindelwald fühlte sich nach den intensiven Tagen fast surreal an. Müde, aber zufrieden erreichten wir wieder die Zivilisation.

Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorns hat uns einmal mehr gezeigt, wie viel Abenteuer auch heute noch in den Alpen möglich ist – besonders an Orten, die zwar gut sichtbar sind, aber nur selten betreten werden. Und vielleicht ist genau das das Faszinierendste an dieser Wand: Trotz ihrer imposanten Präsenz bietet sie noch immer Raum für neue Linien.

Ein Zebu ist für uns ein Ochse mit einer Beule – Der Ochse steht für den Berg und die Beule für Jonas Verletzung – schade, dass er nicht dabei sein konnte beim zweiten Versuch.

Es handelt sich für Silvan um die fünfte Wand des Projektes «Die 6 vergessenen Nordwände der Alpen». Die vierte mit Filippo und die zweite mit Olivier.

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