Rudi Hauser bei der Erstbegehung von Black Pearl im Anlauftal- Gasteinertal. Rudi Hauser bei der Erstbegehung von Black Pearl im Anlauftal- Gasteinertal.
06 Januar 2026

Black Pearl - Gasteinertal

Rudi Hauser, Uli Wieland und Fabio Grundner gelingt mit der Black Pearl (M9, WI 7-) eine der letzten offenen Mixedlinien im Anlauftal - Gasteinertal

In der Dämmerung erinnert ihr Anblick an einen uralten Schiffsrumpf aus Stein, halb im Gebirge versunken. Die Einheimischen nennen sie schlicht schwarze Wand. Nicht nur wegen ihrer Farbe, sondern wegen ihres Charakters: scharfkantig, abweisend, unberührt wie ein Mysterium. Inmitten dieser überhängenden Wand, ein filigranes Band aus gefrorenem Wasser, das sich wie ein geheimer Pfad hinaufzieht. Seit unsere Kindheit kennen wir die Geschichten über die Black Pearl – jenes legendäre Schiff, das durch Nebel und Nacht glitt, auf der Suche nach verfluchten Schätzen, die niemand je gesehen hatte und die niemand besitzen konnte, ohne einen hohen Preis zu zahlen. Man erzählte, die Pearl tauche überall dort auf, wo ein Schatz verborgen lag, und wer ihrer Spur folgte, würde genau das finden, was man am meisten suchte – oder am meisten fürchtete.

Jetzt, vor dieser unberührten Eislinie, hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, dass diese Geschichten mehr waren als nur Märchen. Mit dem ersten Schlag meines Eisgeräts begann die Wand zu erzählen. Der Klang hallte tief durch das Tal, wie ein metallisches Echo aus einem Schiffsbauch. Das Eis war klar und glatt, als sei es aus der Tiefe eines dunklen Meeres empor gefroren.

Je höher wir stiegen, desto stärker wurden wir von einer seltsamen Faszination ergriffen. Das Eis formte Rippen, die aussahen wie die geborstenen Spanten eines alten Schiffes. Spröde Glasadern zogen sich wie Seile und Tauen über die Fläche. Und in einigen Stellen schimmerte das Eis tatsächlich wie scharfkantige Edelsteine – als läge ein versteckter Schatz direkt unter seinen Schichten. Es war, als klettertest du nicht durch eine Wand, sondern über den gefrorenen Geist der Black Pearl selbst. In einer Passage mitten in der Wand wurde das Eis dünner, fast durchsichtig. Ein kalter Windstoß traf dich – obwohl es windstill gewesen war. Für einen Herzschlag glaubtest du, Schemen im Eis zu sehen: Schatten von Männern, die Seile zogen, Stimmen, die durch Nebel riefen, metallisches Klirren, als würde jemand eine Truhe öffnen.

Doch die Bilder verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren, und ließen dich mit einem seltsamen Gefühl zurück: Du warst nicht allein gestiegen. Ein Hauch von Geschichte, Mythos, vielleicht sogar Fluch hatte dich begleitet.

Du drehst dich um und betrachtest die Linie, die du gerade erstbegangen hattest. Das Eis glitzerte wie eine Perle – dunkel, geheimnisvoll, gefährlich schön. Und du wusstest: Diese Route trägt ihren Namen nicht, weil du ihn ausgewählt hast, sondern weil er ihn verlangt hat.

Black Pearl

Ein Schatz, den nur jene finden, die bereit sind, dem Ruf der Legende zu folgen.

Jedes Jahr kehrte ich zur ersten Kälteperiode an diesen Ort zurück, um zu sehen, ob die Pearl ihr Antlitz preisgab. Ich wartete fast 20 Jahre auf diese Linie.

Black Pearl

Schwierigkeit: M9, WI 7-, 180 m

Ort: Anlauftal- Gasteinertal, am 30. November 2025

Erstbegehung durch Rudolf Hauser, Ulrich Wieland, Fabio Grundner

Text und Infos: Rudolf Hauser, am 2. Dezember 2025


Black Pearl

At dusk, it rises like the hull of an ancient ship carved from stone, half-swallowed by the mountains. The locals call it the Black Wall—not just for its color, but for its temperament: jagged, unyielding, untouched, and enigmatic. Across its overhanging face, a thin ribbon of ice snakes upward—a secret path, whispering of challenges and mysteries few dare to chase.

Since childhood, we had grown up on tales of the Black Pearl—the legendary ship that glided through fog and shadow, searching for cursed treasures that no one had ever glimpsed, and that no one could claim without paying a steep price. Legends said the Pearl would appear wherever treasure was hidden, and those who followed its trail would discover what they desired most—or feared most.

Now, standing beneath this pristine ice line, those stories felt alive, no longer just tales whispered around fires.

The first strike of my ice tool set the wall to singing. The sound rolled deep through the valley, metallic and resonant, like the groan of a long-forgotten ship buried in stone. The ice was clear and smooth, almost liquid in its perfection, as if frozen from the depths of a dark, ancient sea.

With each upward move, the fascination deepened. The ice curved into ribs that resembled fractured frames of a ship long lost. Brittle veins ran like rigging across its surface. And here and there, the ice caught the light like jagged gemstones—an unspoken treasure shimmering just beneath its layers.

Climbing it didn’t feel like scaling a wall. It felt like ascending the frozen soul of the Black Pearl itself.

Midway up, the ice thinned, almost transparent. A sudden gust cut through the still air, chilling every exposed inch of skin. For a fleeting heartbeat, shapes flickered within the ice: shadows of sailors hauling ropes, voices calling through the fog, the metallic clatter of a chest being opened.

Then it vanished, leaving only a strange, lingering sensation—you had not climbed alone. The echo of history, of myth, perhaps even a curse, had accompanied you.

I turned to look back at the line I had just traced. The ice glittered like a pearl—dark, mysterious, seductively dangerous. And in that moment, I understood: this route earned its name not by choice, but by demand.

Black Pearl

A treasure reserved for those who answer the call of legend.

Year after year, I returned at the first cold snap, searching for a glimpse of the Pearl. I waited nearly twenty years for this line, and it was worth every moment.

Black Pearl

Difficulty: M9, WI 7-, 180m

Location: Anlauftal – Gasteinertal, November 30, 2025

First ascent by: Rudolf Hauser, Ulrich Wieland, Fabio Grundner

Text and Infos: Rudolf Hauser, 02.12.2025



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