Es gibt Berge, an denen man klettert. Und es gibt Berge, die einen ein Leben lang begleiten.
Für mich ist der Hochkönig ein solcher Berg.
Schon früh waren seine gewaltigen Kalkwände mehr als eine beeindruckende Kulisse meiner Heimat. Sie wurden zu einem Ort der Sehnsucht, der Herausforderung und schließlich zu einem wesentlichen Teil meines Lebens als Kletterer. Namen von Routen, Wänden und Erstbegehern gehörten irgendwann genauso selbstverständlich dazu wie die Gipfel selbst.
Und über all diesen Namen stand einer: Albert Precht.
Auf den Spuren eines großen Erschließers
Als junger Kletterer begegnete ich Albert zunächst über seine Routen.
Wer am Hochkönig ernsthaft alpin kletterte, kam an ihnen nicht vorbei. Und wer in eine Precht-Route einstieg, lernte schnell, dass die Zahl im Kletterführer nur einen Teil der Geschichte erzählte.
Seine Wege waren kühn. Die Absicherung oft spärlich. Die Bewertungen streng. Aber vor allem besaßen seine besten Routen etwas, das sich nur schwer in Zahlen ausdrücken lässt: eine Linie.
Albert hatte die außergewöhnliche Fähigkeit, einen Weg durch eine scheinbar abweisende Wand zu erkennen. Nicht unbedingt dort, wo es am einfachsten war, sondern dort, wo die Wand eine natürliche Geschichte erzählte.
Über Jahrzehnte erschloss er auf diese Weise Route um Route. Vor allem Hochkönig und Tennengebirge wurden zu seinen großen alpinen Spielfeldern.
Am Ende seines Lebens standen mehr als tausend Erstbegehungen. Rund siebzig davon gelangen ihm sogar im Alleingang. Seine Philosophie blieb dabei über Jahrzehnte bemerkenswert konsequent: Eine Erstbegehung sollte für ihn ein Abenteuer bleiben. Der Bohrhaken hatte dabei nichts verloren.
Das kann und muss man aus heutiger Sicht nicht in allen Punkten teilen.
Aber man muss respektieren, mit welcher Konsequenz Albert seine Vorstellung von Alpinismus gelebt hat.
Nach Jahrzehnten dieser Erschließung entstand zwangsläufig ein Eindruck:
Am Hochkönig ist alles gemacht.
Die großen Verschneidungen waren geklettert. Die markanten Pfeiler hatten Namen. Durch die offensichtlichen Plattenzonen führten Linien. Und wo irgendwo noch ein freier Wandbereich zu erkennen war, verlief links und rechts davon oft bereits eine Route.
Was sollte nach einer Generation wie jener Albert Prechts noch kommen?
Genau diese Frage begann mich immer stärker zu beschäftigen.
Denn vielleicht ist ein Gebirge niemals wirklich fertig erschlossen.
Vielleicht braucht es nur irgendwann eine andere Perspektive.
Eine neue Generation
Jede Generation von Kletterern wächst mit anderen Möglichkeiten auf.
Was für die eine Generation undenkbar erscheint, wird für die nächste zum Projekt. Neue Trainingsmethoden verändern das körperlich Machbare. Moderne Kletterschuhe verändern die Art, wie wir auf kleinen Tritten stehen. Und eine andere Vorstellung von Absicherung ermöglicht Linien durch Wandbereiche, die früher kaum sinnvoll zu erschließen gewesen wären.
Vor allem aber verändert sich der Blick.
Eine neue Generation sieht in derselben Wand manchmal etwas völlig anderes.
Genau das durfte ich selbst erleben.
Albert wurde für mich nicht nur zu einem großen Namen aus der Geschichte des Hochkönigs, sondern zu einem Lehrmeister und Mentor. Und schließlich führte unsere gemeinsame Geschichte ausgerechnet an eine seiner kompromisslosesten Linien.
Philadelphia
1993 hatte Albert gemeinsam mit Sigi Brachmayer die Philadelphia durch die kompakte Südwand der Torsäule erstbegangen.
Eine kühne Linie durch eine Wand, die von unten beinahe geschlossen wirkt. Technische Passagen blieben zunächst bestehen. Für Albert war sie eines seiner anspruchsvollsten Werke.
Viele Jahre später stand ich selbst unter dieser Wand.
Die Frage war nicht mehr, ob man dort überhaupt hinaufkommen konnte. Albert hatte diese Frage längst beantwortet.
Meine Frage lautete:
Kann man die Philadelphia vollständig frei klettern?
2010 gelang mir die erste freie Begehung.
Für mich war das weit mehr als eine sportliche Leistung. Es war eine Begegnung zweier Generationen. Albert hatte die Linie gesehen und den Weg durch diese Wand gefunden. Jahre später durfte ich versuchen, seine Idee mit den Möglichkeiten meiner Generation weiterzuführen.
Vielleicht begann damals – ohne dass ich es zu diesem Zeitpunkt wusste – meine eigene Suche nach den letzten großen Linien des Hochkönigs.
Gibt es sie noch?
Je besser ich das Gebiet kennenlernte, desto mehr begann mich diese Frage zu faszinieren.
Ich studierte die Wände. Stand unter ihnen. Kletterte bestehende Routen. Schaute nach links und nach rechts. Verwarf Ideen und kam Jahre später wieder darauf zurück.
Natürlich sind die offensichtlichen Linien heute selten geworden.
Die neuen Wege verstecken sich.
Manchmal liegt zwischen zwei bestehenden Routen plötzlich ein vollkommen eigenständiges System aus Platten, Rissen und Überhängen. Manchmal muss man einen Wandbereich zehnmal betrachten, bevor sich daraus eine Linie ergibt.
Und manchmal steht man darunter und kann kaum glauben, dass dort tatsächlich noch niemand geklettert ist.
In den vergangenen Jahren wurde diese Suche nach den letzten großen Linien am Hochkönig zu einem wesentlichen Teil meines Kletterns.
Der Albert Precht Gedenkweg
Eine dieser Linien führte mich schließlich wieder zurück zur Torsäule.
2020 gelang mir dort gemeinsam mit Tobi Ebner eine Route, die für mich bis heute eine besondere Bedeutung besitzt.
Acht Seillängen führen durch die steile Wand. Die Schwierigkeiten reichen bis in den unteren zehnten Grad. Doch Schwierigkeit allein war nie der Grund, weshalb diese Route für uns besonders war.
Es war die Linie.
Und es war der Ort.
Es war die emotionale Verbindung
Wir nannten sie Albert Precht Gedenkweg.
Eine Hommage an einen Menschen, ohne dessen Ideen und Routen meine eigene Entwicklung als Kletterer vermutlich anders verlaufen wäre.
Noch im selben Sommer gelang mir die Rotpunktbegehung der gesamten Route.
Oben angekommen war für mich aber noch etwas anderes klar geworden:
Der Hochkönig war noch lange nicht fertig.
Die letzten großen Linien
Seitdem sind weitere neue Wege entstanden.
Und einige davon haben mich selbst überrascht.
Denn eigentlich sollte es diese Routen gar nicht mehr geben. Nicht in einem Gebiet, das seit Generationen von hervorragenden Alpinisten durchkämmt wurde. Nicht neben den Wegen von Albert Precht und all den anderen großen Erschließern.
Und trotzdem sind sie da.
Eigenständige Linien. Große Wände. Hervorragender Fels. Anspruchsvolle und zugleich unglaublich schöne Kletterei.
Für mich gehören einige dieser neuen Touren zu den besten alpinen Klettereien, die ich bisher kennenlernen durfte. Sie müssen den Vergleich mit den großen modernen Anstiegen der Ostalpen nicht scheuen.
Vielleicht liegt genau darin das Überraschende:
Wir suchen heute nicht die Routen, die unsere Vorgänger übersehen haben.
Wir suchen Routen, die ihre Zeit gebraucht haben.
Die Wand bleibt dieselbe. Der Blick verändert sich.
Albert Precht hat einmal sinngemäß einen bemerkenswerten Gedanken formuliert: Es gebe durchaus noch unberührte Wandbereiche, an denen mit den damaligen Möglichkeiten kaum Sicherungen anzubringen seien. Vielleicht werde irgendwann eine neue Generation kommen, die diese Stellen klettern könne.
Dieser Gedanke hat mich nie ganz losgelassen.
Denn genau darin liegt für mich die Entwicklung des Alpinismus.
Eine Generation beginnt dort, wo die vorherige aufgehört hat.
Nicht, weil sie besser ist.
Sondern weil sie auf allem aufbauen darf, was davor geschehen ist.
Albert und seine Generation haben uns gezeigt, was mit Mut, Vorstellungskraft und Konsequenz möglich ist. Unsere Generation verfügt über andere Möglichkeiten und hat damit auch die Chance – vielleicht sogar die Aufgabe –, wieder eigene Antworten zu finden.
Dabei geht es nicht darum, jede freie Fläche zwischen zwei bestehenden Routen mit Bohrhaken zu füllen.
Im Gegenteil.
Eine wirklich große neue Route braucht Platz. Sie braucht eine Idee. Sie braucht Charakter.
Und manchmal braucht sie Jahrzehnte, bis jemand sie erkennt.
Noch ist nicht alles gesagt
Wenn ich heute unter den Wänden des Hochkönigs stehe, sehe ich sie anders als vor zwanzig Jahren.
Ich sehe die großen Klassiker.
Ich sehe Alberts Linien.
Ich sehe Geschichten, Freunde, Erlebnisse und Tage, die ich nicht vergessen werde.
Aber ich sehe auch noch etwas anderes.
Möglichkeiten.
Vielleicht werden die wirklich großen unberührten Linien immer weniger. Vielleicht suchen wir tatsächlich bereits nach den letzten ihrer Art.
Aber noch sind sie da.
Man muss nur lange genug hinschauen.
Und vielleicht ist genau das die schönste Hommage an Albert Precht und all jene, die vor uns durch diese Wände geklettert sind:
Nicht nur ihre Wege zu wiederholen.
Sondern ihren Entdeckergeist weiterzutragen.
Rudolf Hauser, am 10.September 2026
Auswahl einiger der jüngsten Erstbegehung von Rudi Hauser
Die beste aller Welten - Teufelskirchl

Die Route "Die beste aller Welten" am Schoberkopf (c) Rudolf Hauser


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